Geopolitische Risiken, Kriege und wirtschaftliche Unsicherheit dominieren derzeit die Schlagzeilen. Die Klimakrise scheint medial in den Hintergrund gerückt zu sein. Und doch: Während wir über Zölle, Kriege, Migration und Rüstungsbudgets diskutieren, häufen sich unübersehbar die Hitzerekorde, Dürren, Waldbrände und Überschwemmungen – auch in Europa.
Was dabei zunehmend verdrängt wird: Der Klimawandel ist nicht nur ein ökologisches Problem – er ist längst ein ernst zu nehmendes Risiko für das globale Finanzsystem. Die nächste grosse Krise könnte aus einer Ecke kommen, mit der viele Ökonomen bisher kaum rechnen: Der Natur.
Die stillen Frühindikatoren
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Zum fünften Mal in Folge haben Naturkatastrophen weltweit versicherte Jahresschäden von über 100 Milliarden Dollar verursacht – mit weiterhin steigender Tendenz. Allein im ersten Halbjahr 2025 summierten sich die Schäden laut Munich Re bereits auf 131 Milliarden Dollar. In besonders betroffenen Regionen wie Kalifornien oder Florida ziehen sich Versicherer zunehmend zurück oder erhöhen die Prämien drastisch.
Das hat Folgen: Wo keine Versicherung mehr möglich ist, verlieren Immobilien ihren finanziellen Wert. Hypothekenbanken tragen plötzlich höhere Risiken. Immobilienbesitzer stehen vor dem Dilemma, ihre Kredite auf nicht mehr versicherbare Werte aufgenommen zu haben. Ein systemisches Risiko entsteht – schleichend, aber mit überragendem Potenzial.
"Ein systemisches Risiko für den gesamten Finanzsektor"
Günther Thallinger, Vorstandsmitglied von Allianz, bringt es drastisch auf den Punkt: Versicherer könnten bald "nicht mehr auf normaler wirtschaftlicher Basis operieren" – und das sei "ein systemisches Risiko, das die Grundlage des Finanzsektors gefährden könnte."
Warren Buffett, dessen Berkshire Hathaway einer der weltweit grössten Rückversicherer ist, warnte zuletzt: "Irgendwann – vielleicht bald – wird ein wirklich gigantischer Versicherungsschaden eintreten. Und es gibt keine Garantie, dass es nur einer pro Jahr sein wird."
Die Klimakrise stellt nicht nur Versicherungsmodelle, Rückstellungen und Risikoprämien, sondern das Risikomanagement im Allgemeinen auf die Probe. Dies gilt speziell, wenn die Berechnungen auf historischen Daten und Ereignissen basieren sowie dramatische und irreversible Ereignisse wie beispielsweise das Verschwinden des Amazonas – sogenannte "Tipping Points" – vernachlässigen. Die Klimarealität verändert sich schneller und exponentieller als in der Vergangenheit. Häufig werden die Klimarisiken immer noch als „langfristig“ eingestuft – oder gar als blosse ESG-Thematik im Nachhaltigkeitsbericht behandelt. Dabei ist die Klimakrise längst im Hier und Jetzt angekommen.
In der Versicherungswirtschaft mehren sich die Rückzüge aus Risiko-Regionen. In Kalifornien etwa beenden grosse Versicherer ihre Policen wegen steigender Waldbrandrisiken. Was heute nach rationaler Einzelentscheidung aussieht, kann morgen eine Kettenreaktion auslösen: Sinkende Immobilienwerte, Zahlungsausfälle, Liquiditätsengpässe – und plötzlich ist ein ganzer Sektor in Schieflage.
Ein 2006-Moment?
Die zentrale Frage lautet daher: Erleben wir gerade einen neuen "2006-Moment" – stehen wir kurz vor einer Krise wie 2008, nur diesmal ausgelöst durch Klimaschäden statt durch faule Hypotheken und darauf basierende exotische Derivate?
Die Parallelen sind beunruhigend. Schon damals gab es Frühwarnungen, die ignoriert wurden. Auch heute werden Klimarisiken in Bilanzen und Portfolios oft als zweitrangig behandelt. Die "Grenzen des Versicherbaren" rücken näher – und mit ihnen auch die Grenzen der Finanzstabilität.
Was jetzt passieren muss
Es braucht ein Bewusstsein, dass Klimarisiken keine reine Umweltfrage mehr sind, sondern eine Bedrohung für die wirtschaftliche und soziale Stabilität ganzer Volkswirtschaften.
Die Klimakrise mag aus den Schlagzeilen verschwunden sein – aus der Realität ist sie es nicht. Während wir gebannt auf die nächste geopolitische Eskalation blicken, könnte die Natur längst den ersten Dominostein angestossen haben – hin zu einer Finanzkrise, die weit schwerer reversibel wäre als eine rein wirtschaftliche.